31 Dezember 2020

Die alternativlose Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin

Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger,

wieder liegt ein Jahr mit Höhen und Tiefen hinter uns. Dabei begann es so gut, zumindest für mich. Ich weiß noch wie ich in Davos gemütlich mit Emmanuel, Giuseppe und Klaus bei einem Chateau Lafite zusammensaß. Wir diskutierten über Gott und die Welt. Wie man das eben so macht, während des Weltwirtschaftsforums. Ich weiß nicht, ob es der Wein war oder ob Emanuel zu Hause wieder Probleme hatte. Jedenfalls fing er an, herumzuposaunen, die einzigen wirklichen Demokraten in Europa seien die Franzosen. Es begann eine heftige Debatte, in die sich auch andere Regierungschefs einmischten. Die Emotionen kochten hoch. Vielleicht hatten wir alle einfach zu viel getrunken. Jedenfalls schlossen wir eine Wette ab. Gewinner sollte sein, wessen Bevölkerung sich als erstes gegen die Einschränkungen von Freiheiten auflehnen würde. Nur die Schweden waren Spielverderber und beteiligten sich nicht daran. Wir anderen hatten auch schon einen Anlass gefunden, mit dem wir die Einschränkungen begründen wollten. Ein neues Virus aus Wuhan. Es war gefährlich, aber nicht so gefährlich, dass die Einschränkung, die wir planten, gerechtfertigt wären.

Wir begannen im ersten Quartal des Jahres, diese Pandemie langsam zu inszenieren. Mit dabei waren einige Experten, die auch schon im Vorfeld auf diesem Gebiet Erfahrungen gesammelt hatten. Mit dabei waren auch die öffentlich-rechtlichen Medien – in diesem Zusammenhang noch einmal vielen Dank an Harald Lesch und allen anderen, die uns behilflich waren. Die privaten Medien wussten von der ganzen Sache genauso wenig, wie Sie liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger. 

Um Ihnen eine Chance zu geben, das Spiel zu durchschauen, gaben wir anfangs beruhigende Statements ab und schwenkten dann innerhalb von Tagen ins genaue Gegenteil um. Ich war mir sicher, dass Sie liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger diese Kehrtwende stutzig machen würde. Zumindest von den Medien erwarteten wir eine gewisse Skepsis. Doch weder von der einen noch von der anderen Seite kam auch nur der Hauch von Misstrauen. Schließlich schleusten wir noch einige gewichtige Stimmen ein, die eine kritische Haltung befeuern sollten. Doch stattdessen wurden diese Fachleute mundtot gemacht. Das erstaunte uns dann doch sehr. Wir hatten gehofft, zu diesem Zeitpunkt die Wette schon gewonnen zu haben. Aber dem lieben Emmanuel ging es mit seinen Landsleuten auch nicht besser. Und die Italiener? Na ja, die hatten tatsächlich Probleme. Aber das wunderte niemanden. Selber schuld, wenn man die Krankenhauskapazitäten so weit herunterfährt. Die hätten ja damals nicht auf uns hören müssen, als wir von ihnen die Schwarze Null forderten. 

Da sie liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger nicht auf unsere Eskapaden reagierten, beschlossen wir weitergehende Einschränkungen der Grundrechte. Wir taten das auf Basis von irgendwelchen Zahlen, die für sich genommen keinerlei Aussagekraft hatten. Generell hantierten wir gerne mit Zahlen, die ohne Relation völlig sinnfrei waren. Wir gingen davon aus, dass zumindest der Teil der Bevölkerung, der über ein Grundwissen an Statistik verfügt, spätestens jetzt kritisch werden würde. Wieder täuschten wir uns. Alle zogen mit. Selbst die Journalisten der großen Zeitungen hinterfragten unsere Statements nicht. Nur im Internet gab es einige aufgeweckte Geister, denen unsere Politik suspekt war. Aber auf die hörte natürlich niemand. Am Ende wurden viele ihrer Beiträge sogar gelöscht. Die hatten aber auch haarsträubende Theorien. Von Machteliten und so. Als wenn dieser zerstrittene Haufen sich jemals auf eine gemeinsame Linie einigen könnte. Weltverschwörung, dass ich nicht lache! Darauf, dass es einfach nur um eine Wette ging, kam niemand. 

Wir erließen immer neue zum Teil widersinnige Verordnungen, um doch noch eine Mehrheit kritischer Stimmen zu aktivieren. Alles blieb erfolglos. Über Sommer schränkten wir den Reiseverkehr drastisch ein, weil wir wissen, wie gerne die Bürger der westlichen Welt verreisen. Aber Sie ließen das alles über sich ergehen. Selbst aus den Regionen, die vom Tourismus leben, kam kaum Kritik.  Enttäuscht über Ihre Hörigkeit, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, entschlossen wir uns schließlich zu einem zweiten Lockdown. Wir veröffentlichten weiterhin nichtsagende Zahlen. Wir schleusten sogar einige kritische Berichte in den öffentlich-rechtlichen Medien ein. Aber statt Nachdenklichkeit zu erzeugen, lösten sie einen Shitstorm aus. Es war, als wollten Sie unbedingt ein Killervirus in Deutschland haben.  Unser letzter Versuch war, Ihnen einen Impfstoff vorzusetzen, der hochriskant ist und Sie eher krank macht, als dass er Ihnen hilft. Selbst da gab es nur  wenige kritische Stimmen. 

Jetzt, am Ende dieses Jahres müssen wir feststellen, dass Sie meine lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger als Demokraten völlig versagt haben. Demokratie heißt, sich  bis zu einem gewissen Maß, zu beteiligen. Es heißt, nachdenken und selbst einschätzen, wie eine Sachlage ist. Gerade im Zeitalter der Digitalisierung ist es leicht an Informationen zu kommen. Alle relevanten Zahlen und Daten waren im RKI, im Statistischen Bundesamt und auf anderen offiziellen Webseiten zugänglich. Es hätte genügt, sich diese anzuschauen und nicht ausschließlich die von uns vorgesetzten Statistiken zu betrachten. Die meisten von Ihnen haben es nicht getan. 

Noch ein Wort an Sie liebe Journalistinnen und Journalisten, früher einmal sollten Sie die vierte Gewalt des Staates sein. Aber aus dem Wachhund ist ein Schoßhündchen geworden. Wenn Sie ihre Aufgabe nur darin sehen, kritiklos die Regierungsmeinung zu übernehmen, können wir gerne auf Sie verzichten. Das erledigt unser Pressesprecher aus erster Hand und viel besser. 

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, in diesem Jahr wurde mir und anderen Politikern bewusst, dass Sie im Grunde kein Interesse an Demokratie haben. Sie möchten eine Regierung, die Ihnen die wichtigsten Entscheidungen abnimmt und die ihnen genau sagt, was Sie zu tun haben. Ich und meine Kollegen befreundeter Staaten haben daher beschlossen, die westlichen Werte Ihren Wünschen anzupassen und die Verfassungen beziehungsweise unser Grundgesetz zu ändern. Ab ersten Januar lautet Paragraph 1: Die Regierung hat immer recht.

In diesem Sinne für Sie ein gutes neues Jahr.


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Verfasst 31. Dezember 2020 von Simon in category "Satire", "Synapsenakrobatik

1 COMMENTS :

  1. By Martin Danesch on

    Schöner Text, der durch das ungewöhnliche Setting – Neujahrsansprache Merkel und Wette, tolle Idee! – den Wahnsinn aus einem erfrischenden Blickwinkel zeigt.

    Antworten

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