19 September 2020

Wunderkerzen zum Lutschen (16)

Ich komme von der Arbeit nach Hause. Schatz hat eine Fertigpizza im Ofen und sitzt mit Taliban auf dem Sofa. Im Fernsehen läuft Bares für Rares. 

Unser Paket ist da, sagt sie. Könntest du zur Huber runtergehen und es holen.

Warum ich?, frage ich. 

Die mag dich doch so gerne, sagt Schatz. Das meint sie ironisch. Die Huber ist bestimmt über 80 und ihre Zahnprothese klappert, wenn sie redet.

Nun geh schon, befiehlt Schatz. 

Na gut! Ich fahre mit dem Fahrstuhl nach unten. 

Ach mein Schnucki, begrüßt mich Frau Huber und küsst mich auf die Wange. Sie zieht mich gleich in ihre Wohnung. Im Fernsehen läuft Bares für Rares. Aber wir setzten uns in die Küche. 

Das ist ja schön, dass du auch mal wieder kommst. Wie geht es dir und deiner Frau?

Gut.

Möchtest du etwas trinken?

Ich komme eigentlich wegen dem Paket.

Ja, das hat Walter heute abgegeben.

Walter?

Der Paketbote.

Ach so.

Der ist zwei Mal geschieden. Jetzt lebt er mit einer zusammen, die drei Kinder hat.

Echt? Wusste ich gar nicht, sage ich. 

Komm, jetzt trinken wir einen. Einen kurzen Klaren. 

Na gut. Wie geht es Ihnen?

Ach lass doch das Sie. Ich bin die Waltraud. 

OK Waltraud, wie geht es dir? Ich meine wegen Corona und so.

Das geht schon. Man muss sich eben schützen. Sie  geht zum Schrank und holt eine Gasmaske heraus. Stammt wohl noch aus den Kriegsjahren.

Damit gehst du auf die Straße?, frage ich.

Na klar. Ich renne doch nicht mit so einem Stofffetzen herum. Wenn schon, dann muss man sich richtig schützen.

Ich denke an die Anfangszeit, als ich mit Integralhelm einkaufen ging und schweige. Sie schenkt mir einen Schnaps ein. Wir stoßen an. 

Gibt es etwas zu feiern frage ich und deute auf ein paar Wunderkerzen, die auf dem Küchentisch liegen.

Ach die? Nein. Die lutsche ich. Möchtest du auch eine?

Du lutschst sie?

Ja. Mein Doktor wollte mir Tabletten verschreiben. Weil ich Eisenmangel habe und ab und zu Wadenkrämpfe kriege. Ich sage dir, alt werden ist nicht schön. Jedenfalls sagte ich zu ihm, dass ich es lieber natürlich mag. Also schaute ich, wo Eisen und Magnesium drin ist. Und da habe ich diese Dinger entdeckt. Schmecken gar nicht so schlecht. Komm, lass uns noch einen trinken. Auf einem Bein kann man nicht stehen. 

Sie gießt uns nach. Wir stoßen an. 

Ist das denn gesund?, frage ich sie.

Der Alkohol?

Die Wunderkerzen.

Bis jetzt hatte ich keine Krämpfe mehr und das mit dem Eisenmangel wird bestimmt auch besser. Dauert eben seine Zeit. Wenn man alt wird, muss man schon ein bisschen auf seine Gesundheit achten. Ich trinke auch jeden Morgen ein Glas verdünnten Obstessig. Zum Entkalken. Da wird ja so viel von geredet. Verkalkung der Gefäße und so. Ich dachte mir, was für die Kaffeemaschine gut ist, kann für dich nicht schlecht sein.

Ich nicke nur. 

Hast du von dem Tänzer gegenüber gehört?, fragt sie mich.

Welchem Tänzer?

Na dem jungen Mann, der immer schwarze Klamotten anhatte. Der mit den kurzgeschorenen Haaren. Eine Figur hatte der. Stell dir vor, der hat sich umgebracht. Nur weil er seit März arbeitslos ist. Aber da kann man doch stempeln gehen. Da muss man sich doch nicht gleich aufhängen. Martha wohnt im gleichen Haus. Kennst du die?

Ich schüttle den Kopf.

Jedenfalls erzählte mir Martha, dass er beim Ballett arbeitete.  Aber das ist ja nun nicht mehr. Schade um den jungen Mann. Ich habe zu Meinem immer gesagt: lerne etwas Anständiges, dann musst du dir keine Sorgen machen. Er ist Handwerker geworden und arbeitet jetzt bei Mercedes. Da hat er einen Werkstattvertrag oder so etwas ähnliches.

Werkvertrag, verbessere ich.

Ja Werksvertrag. Egal. Aber er verdient trotzdem nicht viel. Tja die Zeiten ändern sich.  Lass uns noch einen trinken. 

Sie gießt uns erneut ein. Wir stoßen an. 

Den Pamix… Ma… Pimax kennst du doch bestimmt. Den Jungen von deinen Bachna… Nachbarn neben an?

Poni… Pinocchio?

Genau,  der hatte letztens Burts… Geburts… äh…

Tag, sage ich.

Genau. Da hat ihm sein Papa ein Dings geschenkt. So ein. Na zum Schießen. Wie heißt es gleich? Mit Luft.

Luftwe… Wuftsleg… Luftgewehr?

Ja, genau. Jetzt hockt er morgens immer unten vor meinem Fenster und schießt die Vögel ab.

Ehrlich?, sage ich. Mir ist ein wenig schwindelig. Das verrate ich Waltraud aber nicht.

Bei uns bricht er manchmal in die Wohnung ein, rede ich weiter. Und dann ärgert er Taliban.

Das muss ein anderer sein. Der ist noch zu jung für Af… für Affigis… Afghanistan.

Nein, unser Kater heißt Taliban.

Ach so. Jedenfalls knallt der Kleine die Vögel ab. Die sind ja auch morgens immer so laut, die Biester. Ich habe ihm gestern eine Tafel Scholoka… Kokoscha… Schokolade geschenkt. Sandra und Tobias seine Eltern sind sehr nett. Kennst du sie?

Ja, der hat ein tolles Smo… Smartphone.

Haben doch alle, so ein Ding. Lass uns noch einen trinken. Zum Abschluss. 

Sie gießt noch einmal nach. Wir stoßen an.

Hoffich… hofflofi… hoffentlich bleiben die wenigstens zusammen. Nicht wie das Negerpaar über ihnen.

Man sagt nicht mehr Neger, Waltraud.

Ach so. Wie dann? Sind doch Neger.

Schwarze. Man sagt Schwarze. 

Jedenfalls ist der schwarze Neger gemd… fangen…. fremdgegangen. Jetzt ist seine Frau alleine. Deroba oder wie sie heißt.

Darebo… Deba… Deborah.

Oder so. Ich glaube ich muss mich hinlegen. 

Ich auch, sage ich und stehe auf. Der Boden ist sehr uneben. Ich halte mich am Türrahmen fest, der in griffweite ist. Wir verabschieden uns. Die Wand gibt mir Halt. Ich hangle mich bis zum Aufzug vor. Diese Rufknöpfe. Da sind zwei. Einer zeigt nach oben, einer nach unten. Schön. Ich drücke beide. Sie sind schön groß. Es dauert eine Weile, bis der Fahrstuhl kommt. Dann steige ich ein. Auch hier wieder Knöpfe. Für jedes Stockwerk einen. Sie sind so schön in einer Reihe. Ich stehe davor und schaue sie an. Sie sind groß, diese Tasten. Ich kann mich noch an frühere Aufzüge erinnern. Da waren sie nur kleine leuchtende Knöpfe. Jetzt sind sie groß. Und aus Edelstahl. Und gebürstet. Und groß sind sie. So riesig. Mit Zahlen drauf. Damit man weiß, für welches Stockwerk sie stehen. Große gravierte Zahlen. Und alle in schwarz. So ein schöner Kontrast. Ich kann mich gar nicht dazu durchringen, einen Knopf zu drücken. Weil sie so schön sind. Und so groß. Aber ich will mich hinlegen. Also drücke ich schließlich doch einen Knopf. Oben angekommen, klingle ich an unserer Tür, weil ich das Schlüsselloch nicht finde.

Schatz öffnet.

Wo warst du denn? Und wo ist das Paket?

Und was ist mit deinen Freunden?

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Simon Wald © 2020. All rights reserved.

Verfasst 19. September 2020 von simon in category "Geschichten", "Satire", "Schatz und ich

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